Architekturelemente aus Fayence

In einigen Hymnen auf die Ramsesstadt ist die Rede von „leuchtenden Gemächern aus Lapislazuli und Malachit“, die sich so jedoch archäologisch nicht belegen lassen. Sie spielen vielmehr auf eine außergewöhnliche Form der Ausgestaltung mit Fayenceelementen an, die die Farben der wertvolleren Gesteine imitierten. Eine große Anzahl von Architekturteilen aus Fayence waren in verschiedenen Bauwerken der ramessidischen Hauptstadt als besondere Text-, Bild- oder Dekorationselemente eingesetzt. Bei den meisten dieser Stücke handelt es sich um Fliesen und Einlagen, die an Wänden, Säulen oder Durchgängen angebracht waren. Es finden sich aber auch in Hochrelief gearbeitete Darstellungen, die zusammen mit den Fliesen als Verkleidung von Thronemporen dienten. Auf den Fliesen sind Inschriften, meist Königsnamen oder -titel, sowie figürliche Motive, wie Vertreter sog. Fremdvölker, göttliche Wesen, Tiere oder florale Szenen, zu sehen. Nicht selten wurden dazu unterschiedliche Techniken oder Materialien, so z. B. Einlagen aus Stein, bzw. verschiedenfarbige Elemente, kombiniert. Die wenigen größeren und plastischer gearbeiteten Beispiele zeigen u. a. einen den König repräsentierenden Löwen, der auf seinen Hinterpranken sitzt und in den Kopf eines vor ihm knienden Gefangenen beißt. Die zumeist fragmentarischen Beispiele solcher Architekturelemente aus Fayence, die in ähnlicher Form bereits in der 18. Dynastie belegt sind, stammen aus ramessidischen Repräsentationsbauten oder Tempelpalästen. Sie sind nicht nur in Pi-Ramesse, sondern beispielsweise auch in Tell el-Yahudiya, Heliopolis und Medinet Habu nachzuweisen.

Die frühesten Funde dieser Art aus der Ramesstadt gelangten bereits 1914 in den Pariser Louvre.  Weitere, zufällig entdeckte Fayencenfliesen gaben 1928 den Anlass für die Aufnahme erster systematischer Grabungen in Qantir. Mahmoud Hamza, der Leiter der Unternehmungen, legte kurz darauf einen von ihm als „Fayencewerkstatt“ interpretierten Bereich frei, in dem zahlreiche andere Gegenstände aus Fayence bzw. zur Herstellung solcher Objekte gefunden wurden. Im Laufe späterer Missionen kamen noch einige Fragmente hinzu.

Architekturteile aus Fayence, die in Pi-Ramesse offenbar Paläste Sethos’ I. und Ramses’ II. schmückten, sind heute über eine Reihe von Museen und Sammlungen in der ganzen Welt verteilt. Die größten und bedeutendsten Bestände befinden sich in Kairo (Ägyptisches Museum), Paris (Musée du Louvre), New York (Metropolitan Museum of Art) und München (Staatliches Museum Ägyptischer Kunst). Ein Teil von ihnen wurde hervorragend aufgearbeitet und publiziert, es fehlt jedoch an einer Gesamtaufnahme und -auswertung des ungewöhnlichen Korpus. Diese muss neben Untersuchungen zu Stil, Ikonographie, Inschriften, Datierung und Bedeutung bzw. Funktionskontexten auch naturwissenschaftliche Analysen zu Materialien und Techniken sowie Vergleiche mit entsprechenden Objekten aus anderen Orten und Zeiten einbeziehen.

In einem 2020 von Alexandra Verbovsek initiierten Projekt werden alle Architekturteile aus Fayence, die aufgrund ihrer Fundgeschichte, technischer, epigraphischer oder künstlerischer Kriterien der Ramsesstadt zugewiesen werden können, in einer SQL-Datenbank zusammengestellt und ausgewertet. Die genaue Anzahl ist noch nicht bekannt, insgesamt ist aber von einem niedrigen vierstelligen Bereich auszugehen. Eine detailliertere Vorstellung des Projektes folgt in Kürze.

Links zu den Objekten des Metropolitan Museum of Art (Abb.: Creative Commons):

https://www.metmuseum.org/art/collection/search/544760

https://www.metmuseum.org/art/collection/search/548434

Löwe unterwirft einen Prinzen von Kusch (Inv.Nr. 35.1.23), Metropolitan Museum of Art
Fliese mit Fisch und Lotuspflanzen im Kanal (Inv.Nr. 35.1.104), Metropolitan Museum of Art